St. Martini Stiftung Unterbillingshausen


Zur Geschichte

1. Die fränkische Mission durch das Erzbistum Mainz

Bis 2010 bildete die Kirchengemeinde St. Martin in Unterbillingshausen zusammen mit Sudershausen eine selbstständige Pfarrgemeinde. Darauf hat sie sich mit der Kirche in Oberbillingshausen zusammengeschlossen und bildet nun mit dieser - wie in ihren Anfängen - wieder eine Pfarrgemeinde, die Evangelische Kirchengemeinde Billingshausen. Der Pfarrsitz der Kirchen von Unterbillingshausen und Sudershausen war bis 1599 in Unterbillingshausen (neben der Kirche) und wurde dann nach Sudershausen verlegt. Die Unterbillingshäuser Martinskirche entstand im Zusammenhang der fränkischen Mission Sachsens durch das Erzbistum Mainz, dessen Schutzheiliger St. Martin ist. Martin von Tours, Nationalheiliger der Franken und bekannt durch sein Eintreten für die Armen (seine berühmte Mantelteilung mit einem Bettler in Amiens, im noch römischen Gallien), war die Leitfigur des neuen Glaubens. Das Martinspatrozinium weist auf eine frühe Entstehung der Kirche in Unterbillingshausen hin.

2. St. Martin

Die Martinskirche von Unterbillingshausen stand hinter dem Thie, neben der früheren Schule, die nach ihrem Abriss errichtet wurde, teilweise überdeckt von deren Anbau. Sie gehörte zu den frühen Mainzer Gründungen (Urkirchen) und war dem Archidiakonat Nörten und dessen Sedeskirche St. Martin zugeordnet. Sitz des Archidiakonats war das 1055 gegründete und Maria und Petrus gewidmete Stift in Nörten (Petersstift).  Der Archidiakonat Nörten ist 1055 mit der Gründung des Stifts Maria und Petrus das erste Mal greifbar. Die Nörtener Sedeskirche St. Martin ist älter und 1055 schon vorhanden. Die Unterbillingshäuser Kirche war ein schlichtes Gebäude im romanischen Stil mit massivem quadratischen Turm und ursprünglich schießschartenartigen Fenstern. Der Kirchenraum maß inklusive Turm 12 x 6 m und verfügte 1898 über 140 Sitzplätze. Das wehrhafte Erscheinungsbild der ursprünglichen Billingshäuser Pfarrkirche gleicht der alten - größeren - , etwa zeitgleich entwidmeten, aber noch erhaltenen Sedeskirche St. Martin in Moringen (siehe dort), die denselben Ursprung und ein vergleichbares Schicksal hatte.

3. Die Billinge

Der erste begründete Hinweis auf unser Billingshausen erfolgt im Rahmen einer Güterübertragung an das Kloster Korvei: Der im Raum Duderstadt amtierende Graf Bernhard, vermutlich Graf im Liesgau um Katlenburg, aus der sächsischen Hochadelsfamilie der Billinge überträgt um 972 seine Güter in +Aspe (Wüstung 1 km nordöstlich Spanbeck, an der Einmündung des Esperbaches in die Bever) und Billingshausen an das Kloster Korvei. Dazu gehören namentlich genannte Unfreie und Grundhörige, die sie bewirtschaften. Bernhard stiftet seine Güter für das Seelenheil seiner verstorbenen Eltern Wichard und Weltrud. Nicht völlig auszuschließen bei der Lokalisierung ist die gleichnamige Kombination der Orte +Aspe und Billinghausen (allerdings stets ohne Genitiv-s überliefert) bei Westheim in Hessen.

4. Katlenburg und Plesse – Hardenberg und Gladebeck

Der erste sichere Nachweis von Billingshausen - wieder zusammen mit +Aspe - lässt sich in den Zeitraum zwischen 1180 und 1195 eingrenzen (Tätigkeitsbericht des Propstes des Klosters Katlenburg, Hermann). Dieser Bericht fällt in die Zeit vom Sturz Heinrichs des Löwen (1180) bis zu dessen Tod (1195). Das Kloster ist Rechtsnachfolger der 1106 mit Dietrich III. ausgestorbenen Grafen von Katlenburg. Propst Hermann kauft in Billingshausen 1 Hufe Land zurück. Rückveräußerer ist ein Werner, vermutlich aus der Ministerialenfamilie der Herren von Gladebeck, die bis 1348, November 30, das Dorf Oberbillingshausen, die Niedere Gerichtsbarkeit dort (Patrimonialgericht), das Kirchlehen und die Lippberge besitzen und sich in dieser Phase auch „von Billingshausen“ nennen. Das Kirchlehen und das Patrimonialgericht mit der niederen Gerichtsbarkeit über Unterbillingshausen haben die Herren von Hardenberg. Die hohe Gerichtsbarkeit über beide liegt bei den Edelherren von Plesse, die zugleich Vögte des Klosters Katlenburg sind, und danach bei ihren Rechtsnachfolgern, den Landgrafen von Hessen (Gerichtsplatz westlich Unterbillingshausen „Bei den Dinkstühlen“ mit der Gerichtslinde).

5. Die ersten nachweislichen Pfarrer

1262, Juni 16, tritt Crachto, Pfarrer von Billingshausen, der der Mainzer Ministerialenfamilie von Angerstein zuzurechnen ist, in einer Gerichtsurkunde des Archidiakonats Nörten zu Gunsten des Klosters Steina (Marienstein) auf. Er wird als Zeuge in diesem güterrechtlichen Streit des Klosters mit einer Adelsfamilie um Mainzer Lehnsbesitz in Angerstein erwähnt. Ort dieser Gerichtsverhandlung ist der Chor der Sedeskirche von Nörten. Den Vorsitz führt der Kapitelsrichter Konrad von Nörten. Dies ist der früheste Nachweis für Pfarrer und Kirche von Unterbillingshausen sowie deren Einbindung in den Archidiakonat Nörten. 2012, Juni 16, wurde deshalb das 750jährige Jubiläum gefeiert.

1286, Januar 21, wirkt sein Nachfolger Bernhard, Pfarrer von Billingshausen, wiederum in Nörten bei einer Güterresignation des Grafen Ludolf von Dassel an den Erzbischof von Mainz als Zeuge mit. Bürgen sind die Edelherren Gottschalk und Otto von Plesse. Bernhard könnte einer weiteren Mainzer Ministerialenfamilie, der der Herren von Hardenberg, angehören. Die Herren von Hardenberg sind Burgmannen des Erzbischofs von Mainz auf dessen Burg Hardenberg und verfügen nachweislich seit dem 14. Jh. über das Kirchlehen in Billingshausen, zunächst als Mainzer Lehen, dann als Pfand- und Eigenbesitz.

6. Der Bischof von Ermland

1299, um den 9. Oktober, weiht Bischof Heinrich II. von Ermland als Stellvertreter des Erzbischofs von Mainz den Altar der Martinskiche von Billingshausen und stiftet ein Altarsepulcrum, das er mit seinem Siegel versieht: Eine Holzkanne mit Holzdeckel und Siegel darauf, in der Knochenfragmente in einem Seidentuch aufbewahrt sind. Das Siegel stellt Heinrich persönlich dar. Heinrich II. ist als Kolonisator seiner Diözese in Ostpreußen auf einer Deutschlandreise, in deren Verlauf er im Auftrag des Erzbischofs von Mainz amtiert und auch nach Nörten kommt. Die Altarplatte (Sandsteinplatte auf dem Thieplatz, zu Zeiten der Schule „Schreibtisch“ der Kinder für ihre Schularbeiten) und das Sepulcrum (Pfarrarchiv) von 1299 sind erhalten.

7. Das alte Taufbecken

Aus dem 13./14. Jh. stammt das Taufbecken. Es war noch für die Ganzkörpertaufe gedacht und aus heimischem Sandstein (Steinbrüche westlich von (Unter-) Billingshausen) gemeißelt. Das schliche Kunstwerk ist das älteste erhaltene Baudenkmal Billingshausens. Nach Abriss der alten Kirche Ende des 19. Jhs. wurde es nicht mit in die neue Kirche hineingenommen und diente als „Blumenvase“ im früheren Schulgarten und vor der neuen Kirche. Anlässlich des Kirchenjubiläums von 2012 - nach mehr als 100 Jahren - wurde es wieder im Chor der Kirche aufgestellt und mit einer neuen Taufschale aus Glas versehen (nach dem Vorbild der Taufschale der Stadtkirche von Weilheim in Oberbayern). Die jahrhundertealte Tradition geht weiter: Ein Kind aus Billingshausen wurde am Tag der Neuweihe an diesem Taufbecken getauft.

8. Der Erzbischof von Mainz als Lehnsherr

1376, März 9, erscheint der Erzbischof von Mainz als Lehnsherr der Herren von Hardenberg in Bezug auf das Unterbillingshäuser Kirchlehen und das Patrimonialgericht. Er nimmt eine Umverteilung des Mainzer Besitzes innerhalb der Familie von Hardenberg vor: Hermann und sein Sohn Gerd von Hardenberg resignieren ihren Besitz zu Gunsten ihrer Verwandten an Mainz. Die ursprüngliche machtpolitische Stellung von Mainz in diesem Raum, die an der erzbischöflichen Burg Hardenberg hängt und unter deren Schutz steht, wird deutlich.

9. Die Mutter Gottes

Aus der Mitte des 15. Jhs. (zwischen 1423 und 1480 geschaffen) stammt eine sitzende Marienstatue mit Jesuskind aus Holz („Muttergottes aus Unterbillingshausen“). Sie wurde im Zusammenhang der Planung eines Kirchenneubaus und des darauf folgenden Abrisses der Ursprungskirche 1895 dem Städtischen Museum von Göttingen zur Aufbewahrung anvertraut. Für das Kirchenjubläum 2012 kehrte sie vorübergehend nach Billingshausen zurück.

10. Auswirkungen der Reformation

Die politischen und kirchlichen Verhältnisse wandelten sich. Unter- und Oberbillingshausen hatten sich nach dem Glaubensbekenntnis ihres jeweiligen Landesherren zu richten. Seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 galt der Grundsatz: Cuius regio, eius religio – Wessen Land, dessen Glaube. Landesherren aber waren für Unterbillingshausen seit 1607 nunmehr die Herzöge von Braunschweig (lutherisch), für Oberbillingshausen seit 1571 die Landgrafen von Hessen (reformiert). Die kirchliche Entwicklung folgte in beiden Orten der jeweiligen politischen Zugehörigkeit.

11. Der Neubau der heutigen Kirche

Von 1898 bis 1902 wurde die heutige ev.-luth. Kirche im neugotischen Stil erbaut: Grundsteinlegung 1898, 28. Mai (Pfingstsonnabend), und Einweihung 1902, 21. September (17. Sonntag nach Trinitatis). Sie enthält 100 Sitzplätze. Die Baukosten betrugen 16.000 Mark und wurden überwiegend von der Kirchengemeinde selbst aufgebracht, teilweise über eine Anleihe (finanziert über die Pachterträge des Kirchenlandes). Das Preußische Königliche Konsistorium gab 1.000 Mark als Zuschuss, der Sohn des letzten Königs von Hannover, der Herzog vom Cumberland, 500 Goldmark. Nach der Einweihung der neuen Kirche im Jahre 1902 wurde die alte romanische Kirche abgerissen. Der neue Kirchturm wurde 1950 aus statischen Gründen in der Höhe deutlich zurückgebaut (heutiger Zustand). Seit der Auflösung der Pfarrverbindung mit Sudershausen und dem Beginn der Vereinigung mit der Kirche von Oberbillingshausen ist die St. Martini Stiftung Unterbillingshausen mit ihrem Stiftungsrat für die Nutzung und Verwaltung der Unterbillingshäuser Kirche und ihres Besitzes verantwortlich
(seit 2012, April 17).               - um -


Neugotische Fensterfront.

St. Martini Unterbillingshausen:

Eine 3-D-Zeichnung der St. Martini Kirche Unterbillingshausen.

Das restaurierte Taufbecken und der Altarraum in der St. Martini Kirche:

Bild: privat

Bild: privat